24.07.2021

Re-Start: Von 0 auf 100 in nur drei Wochen?

Nach 89 Minuten der Videokonferenz sagt Walter Desch, es sei jetzt eine Minute vor Spielschluss. Der Mann ist nicht nur Präsident des Fußballverbandes Rheinland (FVR), sondern seit Jahrzehnten auch als Schiedsrichter aktiv. Er ist gewohnt, dass ein Spiel dann endet, wenn er abpfeift. Wann eine Saison endet, muss der Funktionär aus Alterkülz normalerweise nicht definieren. Doch was ist schon normal in diesen Zeiten?

Seit Ende Oktober ist die Spielzeit 2020/21 unterbrochen, wann der Fußball wieder rollt, ist genauso unklar wie die Frage, ob es überhaupt ein reguläres Ende der begonnenen Saison geben kann oder doch den zweiten Abbruch aufgrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie, diesmal angesichts der geringen Zahl an ausgetragenen Spielen jedoch ohne eine sportliche Wertung. Bevor Desch und Co. sagen, wie es weitergeht, holen sie sich seit dieser Woche ein umfassendes Meinungsbild ein. In (mindestens) vier Videokonferenzen beziehen der Präsident und Mitglieder seines Präsidiums Stellung zur aktuellen Lage und klopfen ab, wie Vertreter der Vereine die Situation einschätzen, welche Bedenken sie haben und wie es um ihre Wünsche bestellt ist.

90 Minuten plus Nachspielzeit liegen hinter den gut zwei Dutzend Beteiligten der ersten Videokonferenz. Es gibt zwar Antworten, aber weiterhin mehr offene Fragen – auch, weil offen ist, wie genau es mit dem Lockdown weitergeht, der auch für den Sport den Rahmen vorgibt. Eine Spielanalyse:

Die Sicht des Präsidenten:

„Wir wollen ein Meinungsbild erfahren, ohne in die Abstimmung zu gehen“, sagt Walter Desch zu Beginn und ergänzt, alle seien „im Lockdown gefangen“. Doch mit der Rolle des Gefangenen der Pandemie und anderer Entscheider will sich der FVR-Boss nicht länger abgeben. Von einer Konferenz mit dem Innenminister des Landes verspricht sich Desch, dass man bei der Ausgestaltung der Rückkehr des Sports „vorher mitsprechen“ kann und nicht erst dann, wenn alles fertig ist. Bezogen auf den Fußball bedeutet das: „Wir brauchen eine komplette Lösung.“ Zu gut sind Zustände in Erinnerung, dass in Klassen wie der Bezirksliga, in der Teams aus unterschiedlichen Landkreisen vertreten sind, der eine darf, was dem anderen verboten wird – etwa bei den Zuschauern.

Was die Rückkehr in den Spielbetrieb angeht, ist Deschs Wunsch, möglichst ab Mitte März wieder auf die Plätze zurückzudürfen. Wohl wissend, dass Verlängerungen der Lockdown-Maßnahmen diesen Zeitplan akut gefährden.

Man müsse aber „Bewegung in den Sport bekommen“, formuliert er als übergeordnetes Ziel. Konkreter wird es bei der Zeitachse, wenn tatsächlich Mitte März wieder ein Trainingsbetrieb möglich sein sollte. „Dann könnte am Osterwochenende wieder gespielt werden – vielleicht schon einmal am Samstag und einmal am Montag.“ Der Blick auf den Kalender zeigt allerdings, dass zur Vorbereitung dann nur drei Wochen blieben – schließlich ist Ostern schon am ersten Aprilwochenende.

In der ersten Videokonferenz spielt diese knapp bemessene Vorbereitung nach dann über fünfmonatiger Pause keine Rolle, Widerspruch bleibt aus. Vielleicht auch, weil Desch auf DFB-Arzt Prof. Dr. Tim Meyer verweist, der drei Wochen Vorbereitung für ausreichend hält. Sogar noch weniger kann sich der FVR-Präsident vorstellen, etwa wenn Mannschaften noch viele Spiele nachzuholen hätten und sich die jeweiligen Gegner einig seien, früher spielen zu wollen.

Das ganz klare Ziel, das macht Desch den Vereinsvertretern deutlich, sei es, die Hinrunde über die Bühne zu bekommen. Denn der Auftrag des Verbandes sei es, „den Spielbetrieb sicherzustellen und anzubieten“. Der Grundgedanke des Präsidenten: Selbst wenn es in vier Staffeln vielleicht Probleme geben würde, die Hinrunde abzuschließen, sei es schwer zu sagen, dass deswegen die Saison in den 276 anderen Staffeln des Verbandes annulliert wird. Denn Desch macht auch klar: Es gibt nur noch diese zwei Varianten – die Hinrunde beenden und so Auf- und Absteiger ermitteln – oder die Saison 2020/21 annullieren.

Das Schreckensszenario, das der FVR-Boss auch skizziert: Wenn es nicht weitergeht, könnte der Amateurfußball von November bis August völlig brachliegen, was nicht im Sinne des Verbandes sein könne. Gerade im Nachwuchsbereich sei das extrem schwierig, denn „viele Kinder kommen dann nicht mehr“, wie Desch befürchtet. Um dies zu verhindern, schlägt der Präsident für den Fall einer Annullierung vor, die Spielpläne aufrechtzuerhalten und angesetzte Partien als Freundschaftsspiele mit einem Quasi-Pflichtspielcharakter auszutragen – „der Schiedsrichter kommt, die Organisation bleibt“, so Desch. „Denn wir wollen unbedingt, dass Fußball gespielt wird.“

Ob bei künftigen Pflicht- oder Freundschaftsspielen Zuschauer erlaubt seien, müsse sich zeigen, auch die Notwendigkeit der damit verbundenen Einnahmen sei sehr unterschiedlich zu bewerten. Desch weiß auch, dass die Zuschauerthematik bei den Spielen zu Beginn der Saison für Probleme gesorgt hat. „Das ist auch ein Schwachpunkt in der Argumentation gegenüber der Politik“, sagt er und unterstreicht: „Zuschauer spielen für uns als Entscheider keine Rolle.“

Die Sicht des Spielausschusses:

Als Vorsitzender des Spielausschusses hat Bernd Schneider einerseits den Spielbetrieb in den Klassen des FVR im Blick. Da er aber zugleich Spielleiter der Oberliga ist, muss der Funktionär aus Wissen die Schnittstelle zum Regionalverband Südwest ebenso im Auge behalten. So ist seine Herangehensweise die, dass er die Rheinlandliga als 18er-Staffel zum Maßstab nimmt und den 13. Juni als letzten Spieltag festlegt. Denn danach seien auch noch die Entscheidungsspiele zur Oberliga zu berücksichtigen. Ginge es nur um den Abschluss der Hinrunde, wäre Schneider wohl verhalten optimistisch, „doch der Schein trügt“, wie er sagt, weil er auch für die aus finanziellen Gründen wichtigen Pokalwettbewerbe auf jeden Fall beenden will. „Sechs Termine brauche ich dafür“, weiß Schneider und zeigt gleich auch die Problematik auf: „Die Folge sind mehrere Mittwochspieltage. Wenn es etwa in der Rheinlandliga am 4. April losgeht, dann hätte ich bis zum Ende der Saison durchgehend Englische Wochen.“ Mit den Vereinen, die das betreffen würde, müssten Gespräche geführt werden, um Lösungen zu finden.

Die Sicht der Frauen und Mädchen:

Bei all den Problemen, die für den Seniorenbereich zu lösen sind, ist die Organisation im Frauen- und Mädchenbereich eher in die Kategorie „machbar“ einzustufen, wie Ina Hobracht als Verantwortliche verdeutlicht. „Bei uns ist es einfacher, weil wir kleinere Staffeln haben“, sagt sie. Angesichts von nur sechs Spieltagen, die noch auszutragen sind, würde auch ein Start Anfang Mai noch reichen. Der Pokal bereite ebenfalls weniger Probleme, einzig Terminabsprachen mit den sechs noch im Wettbewerb befindlichen Regionalligisten müsse getroffen werden, „wenn wir wissen, wann wir wieder spielen können“.

Nachdenklicher wird Hobracht, wenn sie den Blick auf den Nachwuchsbereich wirft. „Wir werden sehen müssen, welche Mannschaften im März überhaupt noch da sind“, sagt sie. „Wir müssen Lösungen finden, um die Mädchen einbinden zu können. Sonst gehen uns Mannschaften verloren.“

Die Sicht der Jugend:

So düster will Peter Lipkowski als Jugendleiter des Verbandes nicht nach vorne schauen. „Die Kinder und Jugendlichen sehnen sich nach Gemeinschaft“, unterstreicht er. „Deswegen ist unser oberstes Ziel, wieder zu spielen und möglichst nicht abzubrechen.“ Schön wäre, wenn es Anfang April losgehen könne, auch eine Verlegung nach hinten hält er für denkbar.

„Am 9. Mai müssen wir spätestens beginnen.“ Eine Stellschraube, die er sieht, ist das Saisonende. Bis 30. Juni seien reguläre Spiele möglich, danach bleibe noch Zeit, um Anfang Juli Aufstiegsspiel zu Ende zu bringen. Vorrang habe bei der Jugend die Meisterschaft gegenüber dem Pokal, „um die Durchlässigkeit bei Auf- und Abstieg zu haben“, so Lipkowski.

Die Sicht des Juristen:

Für Norbert Weise, den Rechtswart des Verbandes, ist eine Sache wichtig. „Die Ermächtigung zur Flexibilisierung des Spielbetriebs besteht noch aus dem letzten Jahr“, wie er betont. Das gibt dem FVR einen gewissen Handlungsspielraum, verschiedene Grundsätze gelten allerdings. Einer davon: Wenn nach staatlicher Verordnungslage gespielt werden darf, dann müsse auch gespielt werden, so Weise. Ein Saisonende über den 30. Juni hinaus sei möglich, „wenn zwei, drei Wochen fehlen“.

Dieses Fehlen orientiert sich mit Blick auf eine Wertung an der Frage, ob die Hinrunde beendet wurde oder nicht. Sei dies nicht der Fall, müsse annulliert werden. Für den Fall, dass gespielt werden darf, einzelne Vereine aber nicht spielen wolle, was Weise „verständlich“ fände, gelte der Grundsatz, dass eine Bestrafung ausgesetzt bleibe, ein Nichtantreten aber zu Punktverlust führe. Interessant ist, dass der Rechtswart – im Gegensatz zum Ansatz des Spielausschusses – es nicht für zwingend hält, „dass Spiele in unteren Klassen so behandelt werden müssen wie in höheren“.

Es müsse nur vernünftige, vertretbare Regelungen geben. Das gelte bis runter in die Kreise. Bei der Frage, inwiefern eine Verzahnung der Ligen notwendig sei, könne man „auf den Prüfstand stellen, ob der Abbruch unten auch nötig ist“.

Die Sicht der Vereine:

Die erste Videokonferenz des FVR ist vollgepackt mit Informationen und Sichtweisen, die teils in unterschiedliche Richtungen geht. Ein wirklicher Dialog kommt daher nur in Teilen zustande. Die Stimmungslage ist unterschiedlich, die Meinungen sind differenziert, aber ein Gefühl scheint die meisten Vereinsvertreter in ihrer Sicht zu einen. Carsten Schellberg vom Rheinlandligisten SV Windhagen bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: „Jeder ist heiß, wieder Fußball zu spielen. Aber mir ist mulmig zumute, wenn ich daran denke, dass sechs bis acht Englische Wochen auf uns zukommen können.“ Dies wolle er zu bedenken geben, denn seit Monaten habe niemand gegen den Ball getreten. „Wir sind keine Profis. Alles, was kommt, muss realisierbar bleiben.“

Teils kritisch gesehen wird auch die angedeutete Priorisierung zugunsten des Pokals, der Vorrang vor der Meisterschaft haben soll.

Das weitere Vorgehen:

Eine Abfrage bei den Vereinen, wie sie sich das weitere Vorgehen vorstellen, wird – analog zur Vorsaison – kommen, „es wird keinen Abbruch ohne vorheriges Votum der Vereine geben“, unterstreicht Desch. Klar macht der Präsident aber auch, dass eine Entscheidung der Vereine für eine Annullierung nicht zwingend den Abbruch zur Folge hat. „Wenn die Vereine nicht wollen, die Politik aber sagt, ihr dürft spielen, dann werden wir spielen.“ Klar sei nur, dass „wir am 15. Mai nicht mehr anfangen“, so Desch, der den Vereinen mitgibt: „Haben Sie Vertrauen, dass wir alles versuchen, aber erheben Sie keinen Anspruch, dass es klappen muss.“

Fazit:

Für die Mannschaften des FVR sind die Videokonferenzen keine Punktspiele, erst recht kein Finale. Die 90 Minuten mit den Vereinen (und nicht gegen sie) dienen mehr der Vorbereitung auf das, was kommen wird. Desch und sein Präsidium betonen, aktiv mitgestalten zu wollen, wie es nun weitergeht.

Der FVR-Boss schwingt sich zum obersten Lobbyisten in Sachen Amateurfußball auf, dürfte dabei aber noch einige Zeit lang das Gefühl nicht loswerden, an den Fäden der Politik zu hängen. Es wird sich auch zeigen, wie die Basis auf das Vorhaben reagiert, nach vielleicht nur dreiwöchiger Vorbereitung einen Kaltstart hinlegen zu müssen.

Aufgrund der Kürze der Zeit, die bis zu einer angestrebten Fortsetzung am Osterwochenende oder kurz danach bleibt, stellt sich zudem die Frage, wann eine Abstimmung der Vereine kommen wird und welchen tieferen Sinn sie am Ende haben soll.

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